Willis Woche: Gestrandet in Kaliningrad

In Traktortypen by Birthe0 Comments

Trecker-Willi hatte es schon geahnt. Vor der Abreise in Lauenförde (Niedersachsen) erklärte er noch mit einem Schmunzeln, das sowieso immer genau das kaputt gehe, was er nicht als Ersatzteil dabei habe. Und genau das ist nun geschehen. Der 81-jährige Treckerfahrer, der von Lauenförde bis nach St. Petersburg fahren will, kann nicht mehr weiter – Achsbruch am Hinterrad seines Deutz-Treckers. „Kurz vor Kaliningrad ist die Achse gebrochen“, berichtet Willi. Dann lacht er. „Mir macht das nichts. Ich hab‘ doch Zeit.“ Als er an die polnisch-russische Grenze kam, um in die Exklave Kaliningrad zu fahren, war noch alles in Ordnung. Dreieinhalb Stunden stand er dort an, russische Soldaten warfen einen genauen Blick in seinen Wohnwagen. „Es gab aber nichts zu beanstanden.“ Dann fuhr er weiter, seelenruhig mit 18 Stundenkilometern. Nächster Halt: Kaliningrad.

Hinterachse gebrochen
Das frühere Königsberg ist ein interessanter Ort für alle Geschichtsinteressierten. Hier wurde einst der erste preußische König gekrönt. Der Philosoph Immanuel Kant lehrte an der dortigen Universität. Willi weiß das. Aber ansehen kann er sich die Stadt eh nicht, dachte er sich. Er kann ja seinen Robert, so nennt er seinen Trecker, nicht aus den Augen lassen. So musste er schon von einem Stadtrundgang in Danzig Abstand nehmen. Doch plötzlich ist alles anders. Kurz vor Kaliningrad ging nichts mehr. Die Achse brach und eine Ersatzachse hatte Willi nicht im Gepäck. Was nun? Da stand der 81-Jährige nun auf der Landstraße. Ohne Russischkenntnisse. Ohne eine Notrufnummer im Kopf. Doch kaum gestrandet, kam schon Hilfe. „Eine Familie sah mich und bot sofort Hilfe an. Sie organisierten einen Abschleppdienst und brachten Trecker samt Wohnwagen auf ihr Grundstück“, berichtet Willi.

Russische Gastfreundschaft
Aber wie hat sich Willi verständigt? „Ich sage immer, die Verständigung mit Händen und Füßen klappt auch.“ Und tatsächlich: Willi genießt die Gastfreundschaft der Familie, die in einem großen Gutshof mit drei weiteren Familien in Kaliningrad lebt. Zwischen den Hühnerställen auf der Wiese vor dem Haus steht nun Willis Wohnwagen. Jetzt heißt es warten. Sofort hat der 81-Jährige seine Tochter in Lauenförde informiert. Die schickt jetzt per Post die Ersatzteile nach Kaliningrad. „Ich habe die kaputte Achse schon ausgebaut. Wenn die neue Achse kommt, fahre ich sofort weiter“, ist er optimistisch. Langweilig wird dem Rentner derweil nicht. „Um Gottes willen. Meine Gastfamilie hat mich gleich am nächsten Tag ins Auto gepackt und mir Kaliningrad gezeigt. Wir waren am Dom und dem Immanuel-Kant-Denkmal.“ Glück im Unglück. Willi, der eigentlich Winfried Langner heißt, hat nun Zeit, sich die Exklave Kaliningrad anzusehen. Und das nicht nur vom Fahrersitz aus.

Wir übernehmen die Kolumne „Willis Woche“ mit freundlicher Genehmigung von der Hessisch Niedersächsischen Allgemeinen (HNA), www.hna.de

Hier geht es zu den bisherigen Folgen:
Teil 1 – Ein Mann fährt seinen Weg
Teil 2 – Robert immer im Blick
Teil 4 – Am Strand der Kuhrischen Nehrung

 

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