Teil 5: Sonnenbrand und Deichselbruch

In Traktortypen by Birthe1 Comment

Im Hintergrund klappern Menschen mit Geschirr, aus dem Stimmenwirrwarr stechen hier und da französische Wortfetzen hervor, dazu mischt sich dumpf Motorenlärm – und immer wieder Gelächter. Gerd Lemkens und Johannes Thodam lassen sich in einem Café im südfranzösischen Städtchen Lectoure die Sonne auf den ohnehin schon verbrannten Pelz scheinen, trinken eine Tasse Kaffee und sind völlig entspannt. Tag 17 der Pilgerfahrt nach Santiago de Compostela klingt gemütlich aus.

Noch vor ein paar Tagen sah das allerdings ganz anders aus. Es ging eine steile Straße bergab, zehn Prozent Gefälle. „In solchen Fällen fahre ich mit meinem Eicher immer bis nach ganz unten durch und warte dort auf Gerd“, erzählt Traktor-Pilger Johannes Thodam. Nach zweieinhalb Wochen sind die beiden Traktormenschen ein eingespieltes Team, haben ihren Fahrtrhythmus. Doch dieses Mal wartete Thodam vergeblich. Als er schließlich nachschauen ging, sah er das Maleur: Die Deichsel des kleinen Anhängers für Werkzeuge und Gepäck war gebrochen.

Im Schneckentempo sind wir so den Berg runtergekrochenJohannes Thodam

Ein Franzose hatte bereits angehalten, um Hilfe zu organisieren. „Er versprach, es komme bald ein Trailer der den Hänger mitnehmen könnte“, berichtet Thodam. Doch als immer mehr Zeit verstrich und nichts passierte, hatte Gerd Lemkens eine Idee: Er befestigte den Hänger provisorisch mit Spanngurten. „Im Schneckentempo sind wir so den Berg runter gekrochen“, seufzt Thodam. Und auch wenn er beteuert, so schnell bringe die beiden langjährigen Freunde nichts aus der Ruhe, so ist doch zu ahnen, wie die Stimmung war.

Doch sie hatten Glück im Unglück. Im Tal angekommen fand sich sofort eine Werkstatt und gegenüber der Werkstatt eine Schlafstätte für die müden und hungrigen Pilger. Am nächsten Morgen rückte Gerd Lemkens mit Schweißgerät und Winkeleisen aus, reparierte und verstärkte die Deichsel und drückte dem Werkstattbesitzer dafür eine kleine Spende in die Hand. Um 10.30 Uhr konnte es mit etwas Verzögerung dann wieder zurück auf den Camino gehen. „Einen halben Tag haben wir so aber locker verloren“, weiß Thodam.

Nachdem sie anfangs vor allem mit dem Regen zu kämpfen hatten, macht nun die Hitze den Traktor-Pilgern etwas zu schaffen. Arme, Gesichter und Nacken sind von der Sonne verbrannt. „Aber wir sind schließlich auch in Südfrankreich“, sagt Johannes Thodam. Immer noch wollen die Menschen am Wegesrand Fotos mit den beiden Traktor-Pilgern und ihren Oldtimern machen. Manche wollen probesitzen, andere haben zig Fragen. So wie eine Schulklasse, mit der sich die Pilger auf Englisch, Französische und mit Händen und Füßen über den Eicher und den Schlüter unterhielten.

Besonders positiv haben die Traktor-Pilger vor ein paar Tagen eine Übernachtung bei Herbergsmutter Corinne empfunden. „Es waren 16 Pilger im Haus – und von jedem kannte sie den Vorname“, ist Johannes Thodam sichtlich beeindruckt. Kurzerhand verliehen er und Gerd Lemkens der Französin die „Trecker-Verdienst-Medaille“, die sie aus ihrem Verein, den Schlepperfreunden Hinsbeck, mitgenommen haben. „Wir hatten zwei dabei: eine wollen wir in die Kathedrale in Santiago de Compostela hängen, die andere hatten wir für einen besonderen Menschen dabei, den wir kennenlernen. Wir waren uns sofort einig, dass Corinne sie bekommen sollte“, berichtet Thodam.

Ein Großteil der Strecke ist nun geschafft. Morgen soll es aus der Gascogne weiter gehen Richtung Pyrenäen. Die Pilger hoffen, diese Anfang nächster Woche überqueren zu können. Dann sind es immer noch 750 Kilometer bis zum Ziel. Aber der aufregendste Teil dürfte dann erstmal geschafft sein.

Mehr von den Traktor-Pilgern:
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Teil 4
Teil 6
Teil 7
Teil 8
Teil 9
Teil 10
Traktor-Pilger sind wieder zu Hause

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