Teil 4: 1000 Kilometer sind geschafft

In Traktortypen by Birthe8 Comments

„Welchen Tag haben wir heute?“ – Johannes Thodam hat das Gefühl für Raum und Zeit verloren. Zehn Tage pilgern er und sein Freund Gerd Lemkens nun schon auf dem Jakobsweg. Am 1. Mai sind sie von Nettetal aus aufgebrochen – Thodam mit einem Eicher EKL 15/II, Lemkens mit einem Schlüter AS 22 – beide Baujahr 1956. Die Schlepper wohlgemerkt, nicht die Pilger. Letztere gehen allerdings zurzeit mit den Hühnern ins Bett. „Traktorfahren macht wirklich unglaublich müde. Wir fallen jeden Abend spätestens um 21 Uhr hundskaputt in die Koje“, berichtet Thodam lachend. Kein Fernsehen, kein Radio, oft auch kein Handyempfang – mittlerweile sind die beiden in einer Art Tunnel unterwegs. „Wir blicken nach vorne, wollen ankommen“, sagt Thodam.

Gedanken schweifen lassen
Was allerdings noch lange nicht heißt, sie sind das Pilgern schon leid. Ganz im Gegenteil, sie genießen die Abgeschiedenheit, saugen die Natur in sich auf und haben bei ihrem gemächlichen Reisetempo von um die 18 Kilometer pro Stunde viel Zeit, um ihre Gedanken schweifen zu lassen. Gerade ist Johannes Thodam Rentner geworden, Gerd Lemkens ist Vorruheständler. „Wir wollen einfach mal Danke sagen fürs Leben. Das ist an der Pilgerstätte gut möglich“, sagt Thodam.

Davon trennen sie allerdings immer noch rund 2000 Kilometer. Zurzeit sind sie „mitten in der Prärie“, wie Thodam lachend erzählt. Chomelix heißt der kleine französische Ort im Departement Loire, wo sie an Tag zehn ihr Quartier aufgeschlagen haben. „Wir haben nun die ersten 1000 Kilometer geschafft – darauf genehmigen wir uns heute Abend erstmal einen Wein“, verrät Thodam. Am elften Tag soll es dann Richtung Le Puy-en-Velay gehen.

Eicher ist durstig
Die Stimmung ist prächtig, berichten die beiden Pilger. Bislang sind sie nirgendwo hängengeblieben und hatten keine Pannen. Lediglich Thodams Eicher ist ein wenig durstig: Jeden Tag will er sein Kölsch-Glas Öl haben.

Das sei ihm gegönnt. Denn Thodam ist voll des Lobes: „Die beiden Schlepper sind prima. Auch in den Serpentinen ziehen sie prima durch.“ Und das mit gerade einmal 16 und 22 PS. „Ein bisschen Schwung braucht mein Eicher mit seinem einen Zylinder allerdings schon, um die Höhenmeter zu schaffen“, verrät Thodam. Da der Schlüter noch den Anhänger mit dem Werkzeug zieht, hat auch dieser ab und an zu kämpfen. Mehr Sorge bereitet den Pilgern allerdings der starke Reifenverschleiß auf den vielen grob geteerten Straßen. „Die Bestellung für neue können wir direkt schon mal aufgeben. Wir kommen ohne Profil zu Hause an“, vermutet Thodam.

Wir wollen einfach mal Danke fürs Leben sagenJohannes Thodam

Völlig begeistert sind die beiden Freunde nicht nur von der wunderschönen und abwechslungsreichen Landschaft in Frankreich. Auch die Gelassenheit und Gastfreundschaft der Franzosen beeindruckt sie immer wieder aufs Neue. Im kleinen Örtchen Fontaines servierte ihnen der Herbergsvater ein Drei-Gänge-Menü vom Feinsten und bestand darauf, dass die Trecker auf seinem Privathof an einem sicheren Ort über Nacht parkten. Am nächsten Morgen gab es dann einen Überraschungsbesuch vom Kommandanten der örtlichen Feuerwehr – in voller Uniform. „Er wollte unbedingt mal Probe sitzen auf meinem Trecker“, erzählt Johannes Thodam lachend.

„Manchmal fühlen wir uns wie das achte Weltwunder“, sagt er. Menschen winken, zeigen ihnen „Daumen hoch“, hupen, rufen, halten an und fotografieren die beiden Männer auf den Oldtimer-Traktoren. Und obwohl weder Thodam noch Lemkens Französisch sprechen können, kommen sie mit den Menschen in Kontakt, fragen problemlos nach dem Weg, bekommen in der Bäckerei was sie haben möchten und haben bisher jeden Abend einen Platz zum Übernachten gefunden.

Fotos: Thodam/Lemkes

Mehr zu den Traktor-Pilgern:
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Comments

  1. Schöner Bericht, vielen Dank an Alle die daran beteiligt sind. Allerdings stimmt nicht alles: was heißt hier 1 Viertel der Strecke??? Von 3000 Km sind doch schon die Hälfte runter, oder nicht?
    Schöner Gruß
    Maggie

    1. Author

      Liebe Maggie, Du hast Recht, das ist missverständlich formuliert. Die Pilger meinten damit die Gesamtstrecke – sie müssen ja auch wieder nach Hause zurück irgendwann. Ich habe es geändert. Danke für den Hinweis. Und weiterhin viel Freude mit den Traktor-Pilgern.

  2. Hallo
    Weiterhin gute Fahrt und tolle Erlebnisse.
    Wir verfolgen Eure tolle Tour und sind gespannt wie es weiter geht.
    Tolle Web Seite.

    1. Author

      Vielen Dank für das schöne Kompliment! Die Seite ist allerdings nicht von Gerd Lemkens und Johannes Thodam, sondern wir, die Traktormenschen, berichten lediglich über sie. Wir freuen uns aber sehr, dass durch die beiden Pilger jetzt so viel Leben hier reinkommt. Weiter so! Und allen anderen Pilgern eine gute Reise.

  3. Hallo Ihr zwei Traktorenpilger, wir hoffen, dass Ihr den Regentag nach Saugues gut überstanden habt und Ihr nun genau so ein schönes sonniges Wetter habt wie wir. Viele Grüße von Wolfgang und Roland

    1. Author

      Wir hoffen auch, dass wir sehr bald wieder über Gerd und Johannes berichten können! Derzeit erreichen wir sie leider nicht. Das ist entlang des Camino eben manchmal so.

  4. Super, das man euren weg ein wenig miterleben kann. Weiterhin wünschen wir den beiden gute Fahrt
    Gruß Willi und Heidi

  5. Lieber Gerd , lieber Johannes, nach unserem netten Gespräch beim Abendessen in Saugues habe ich gleich mal auf Eure Website geschaut. Ist ja echt genial, was ihr da macht und schön , dass bei Euch Zuhause soviele Leute anteil nehmen. Weiterhin Buon Camino, viele Grüße von Pilger Wolfi aus Nürnberg

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