Kolumne Dr. Trecker – Patient mit vielen Wehwechen

In Schrauberecke by Birthe0 Comments

Der Zwölfer Lanz ist einer der frühen Glühkopfschlepper aus dem Hause Heinrich Lanz, dieses Modell wurde in der ersten Hälfte der 1920er Jahre gefertigt. Im Prinzip handelt es sich eher um einen selbstfahrenden Stationärmotor als um einen Traktor.

Das Fahrzeug steht schon Ewigkeiten am Kiekeberg und war zuletzt in den 90ern gelaufen. Es soll in den fahrbereiten Zustand versetzt werden und in unserem Museum gelegentlich vorgeführt werden. Die in Jahrzehnten entstandene Patina soll auf jeden Fall erhalten bleiben.

Zuerst musste eine Bestandsaufnahme durchgeführt werden, dazu haben wir den kleinen Schlepper erst einmal aus der Ausstellungshalle geholt und zu unserer Werkstatt auf dem Museumsgelände gebracht.

Der erste Probelauf an der Werkstatt.

Der Lanz wird aufgebockt.

Der Motor machte mechanisch einen guten Eindruck – also wurden nach einigen Checks Wasser und Öl aufgefüllt und ein Probelauf gemacht: Der Glühkopfmotor wurde circa fünf Minuten mit dem Gasbrenner vorgeglüht (das bedeutet, die Glühnase am Zylinderkopf wird sehr stark erhitzt), damit der Motor anspringen kann. Die Glühnase bleibt bei laufendem Motor heiß und hier entzündet sich der Kraftstoff. Dieser Motor wird mit verschiedenen Ölen oder Dieselkraftstoff betrieben, ist aber vom Prinzip her kein reiner Dieselmotor.

Der  Motor lief auf Anhieb sauber durch, die Einspritzung arbeitete einwandfrei, lediglich die Kühlwasserpumpe streikte. Wir haben provisorisch den Wasserschlauch angeschlossen, so war die Motorkühlung gewährleistet.

Ein Fahrzeug mit X-Beinen

Die erste Bilanz der technischen Durchsicht:

  • Wasserpumpe: keine Wirkung
  • Riemenantrieb: für den Boschöler erneuerungswürdig
  • Gleitlager an den Hinterrädern: verschlissen (Fahrzeug hat X-Beine )
  • Kugellager und Lagerdeckel: am Achsantrieb zerstört
  • Bremsanlage unbrauchbar
  • Diverse Zollschrauben unbrauchbar
  • Differenzialgetriebe der Hinterachse fest

Der Patient hat also eine Menge Wehwehchen, aber ein starkes gesundes Herz 🙂

Überall dicker Rost.
Defekter Achsantrieb.
Hinterrad aus Gusseisen
Die verflixte Wasserpumpe.

Der Lanz wurde aufgebockt und beide Hinterräder und der komplette Achsantrieb inklusive Kette und Zwischenwelle  entfernt. Die Demontage dieser kompletten Baugruppe erforderte sehr viel Zeit und Kraft. Jedes der gusseisernen Hinterräder wiegt übrigens mehr als 100 Kilogramm! Die Achsteile sind auch nicht gerade handlich.

Anschließend entfernten wir die Wasserpumpe. Diese ist als Kolbenpumpe mit Ventilen ausgelegt. Sämtliche Reinigungs-,  Einschleif-,  und Abdichtarbeiten führten zu keinem Ergebnis, der Fehler musste irgendwo anders liegen. Geduld ist bei so alten Fahrzeugen sehr hilfreich. Irgendwann fanden wir den Fehler: Eine Verschraubung im Ansaugbereich war irgendwann geändert worden, dadurch lag eine Entwässerungsbohrung frei und die Pumpe konnte kein Kühlwasser fördern. Zum Testen wurde die Bohrung provisorisch verschlossen. Die Pumpe wurde anschließend von Hand im Wassereimer getestet. Sie arbeitet hervorragend.

Das Differentialgetriebe der Hinterachse war fest, auch hier gelang es uns, das Getriebe mit sehr viel Geduld schonend zu zerlegen. Sehr starke Gebrauchsspuren, sehr viel Rost, aber alles brauchbar. Wieder einmal war das Glück auf unserer Seite, sehr gründliche Reinigungsarbeiten und anschließende Montage mit ausreichend Schmierstoff führten zum Erfolg. Das fast 100-jährige Differenzial funktioniert wieder!

Fortsetzung folgt!

Euer Dr. Trecker alias Holger Hink

Der Lanz im Agrarium am Kiekeberg.

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Dr. Trecker

Alle 14 Tage berichtet Dr. Trecker alias Holger Hink vom Freilichtmuseum am Kiekeberg von aktuellen und bereits abgeschlossenen Restaurierungsprojekten. Unterstützt wird der Werkstattleiter bei seiner Arbeit von den „Mittwochs-Schraubern“ im Museum.

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