Familie Schmücker – normal kann jeder…

In Traktor des Monats, Traktortypen by Birthe0 Comments

Die Bierzeltgarnitur ist dick eingestaubt. Viel zu lange hat sie ungenutzt unter dem Bauwagen gelegen und auf ihren nächsten Einsatz gewartet. Als Uta Schmücker die erste Bank aufbaut, ist innerhalb von Sekundenbruchteilen alles wieder da: die vielen Erinnerungen an schöne Momente mit der ganzen Familie, aber auch an Pannen und Stresssituationen, die diese besondere Art des Reisen eben immer mal wieder mit sich gebracht hat. „Heute sind das gute Geschichten über die man lacht“, sagt Hans-Helmut Schmücker. Und Geschichten dieser Art gibt es unzählige.

Uta Schmücker fasst es augenzwinkernd in einem Satz zusammen: „Normal kann jeder.“ Jahrelang fuhr die Familie mit dem liebevoll restaurierten Deutz F3M 317 und angehängtem, eigens komplett umgebauten Bauwagen in den Urlaub. Zunächst ging es ins Münsterland, ein Jahr später wagten sich die sechs Schmückers ins Weser Bergland. Uta Schmücker hegte aber einen Wunsch, den sie ihrem Mann eines Tages erzählte: „Ich möchte so gerne mal ans Meer.“ Seine Antwort: „Kein Problem.“ – Sie: „Du bist verrückt!“. Die größte Tochter Johanna war damals gerade neun Jahre alt, die Zwillinge Alexander und Antonia viereinhalb und Nesthäkchen Theresa drei Jahre alt.

Doch gesagt getan, Hans-Helmut Schmücker machte sich mit dem Stahldeutz und dem Bauwagen auf den Weg nach Zeeland an die holländische Nordsee, im Gepäck jede Menge Werkzeug, zwei der vier Kinder und Nerven wie Drahtseile. „Zwei Tage haben wir für die 330 Kilometer gebraucht. Viele Strecken konnten wir gar nicht oder nur schwierig mit dem Trecker fahren“, erinnert sich Schmücker. Mit seinen 50 PS bringt es der Schlepper auf maximal 28 Kilometer pro Stunde, zudem sind viele Straßen in Holland für den landwirtschaftlichen Verkehr nicht zugelassen. Übernachtet wurde auf Höfen, der Rest der Familie folgte im Auto. „Ein bisschen Coolness gehört schon dazu“, sagt Uta Schmücker, und der Stolz auf ihren Mann schwingt unüberhörbar mit.

Von Anfang an hat sie seine Leidenschaft für Motoren unterstützt – schließlich war er davon ja bereits befallen als sie ihn kennengelernt hat. Beide sind in Bauernfamilien aufgewachsen, kennen die Landwirtschaft von der Pike auf. Schon als kleines Kind saß Hans-Helmut Schmücker auf dem Trecker, rangierte bald mit großen Hängern. „Das hilft sicherlich, in brenzligen Situationen ruhig zu bleiben“, sagt sie. Dass das Gespann aus dem inzwischen 76 Jahre alten Trecker-Veteranen und dem acht Meter langen Bauwagen ein Verkehrshindernis war, griffen Schmückers humorvoll auf. An die Rückseite hängten sie immer ein Schild: „Wir haben Ferien! Ihr auch?“. „Damit wollten wir sagen: Regen Sie sich bitte nicht auf. In heutigen Zeiten wäre das sicherlich noch schwieriger“, erläutert Hans-Helmut Schmücker.

Den Einstieg in die Oldtimer-Szene fand der gelernte Landmaschinenschlosser über einen Lanz Bulldog. In seiner Freizeit restaurierte er einen Typ D1616. Ende der 1980er Jahre stieß er dann zufällig auf den Stahldeutz. „Wir waren auf der Hochzeit meines Cousins in Lüdinghausen und wollten uns eigentlich einen Hanomag R 40 anschauen“, erinnert sich Schmücker. Als er den seltenen Deutz sah, war der Hanomag allerdings sofort uninteressant. „Ich wollte den Deutz unbedingt haben, aber der Besitzer wollte ihn nicht abgeben“, so Schmücker weiter. Für 1500 D-Mark erhielt er schließlich doch den Zuschlag – der Fahrzeugbrief fehlte jedoch.

Beim Vorbesitzer, dem Inhaber eines Sägewerks und einer Lohndrescherei in Ottmarsbocholt, versuchte Schmücker sein Glück. Er zeigte ein Foto vom Trecker und war zunächst wenig zuversichtlich: „Der Mann war über 90 Jahre alt. Er versicherte mir, irgendwo müsse der Brief noch sein, er werde mal nachsehen.“ Hans-Helmut Schmücker glaubte seinen Augen kaum, als er gute eineinhalb Jahre später den Fahrzeugbrief tatsächlich noch per Post bekam. Allein schon anhand des Briefes lässt sich die bewegte Vergangenheit des F3M 317 ablesen. Er war zugelassen in Soltau, im Landkreis Uelzen, in Meppen, Lingen an der Ems, in Lüdinghausen und schließlich in Kirchhellen. Im Brief findet sich zudem auf der letzten Seite ein Eintrag, dass es sich um eine Abschrift des Originalbriefes handelt „da die Erstausfertigung bei den Kampfhandlungen vernichtet sind“.

Viele Werkstattstunden stecken in dem Universalschlepper, zu Produktionszeiten der stärkste aus der Deutz-Flotte. Es war der berühmte „Haufen Schrott“, den Hans-Helmut Schmücker auf seinen Hof schleppte und zunächst in Einzelteile zerlegte. Die Liste der Arbeiten war schier unendlich. Alle Dichtungen im Motor mussten getauscht werden, eine Zylinderkopfrevision wurde notwendig. „Das Getriebeöl war zäh wie Teer, das habe ich mühevoll rausgespachtelt“, erzählt der Restaurator – damals gerade 25 Jahre jung. Für die Kupplung ließ er neue Mitnehmerscheiben anfertigen, die Motorhaube und weitere Teile der Karosserie baute Schmücker selbst nach, zudem musste er ein Loch im Kühlergitter flicken. Von einem Schreiner holte er sich Rat ein, um so auch beim Aufbau der Kabine möglichst viel selbst Hand anlegen zu können, etwa bei den Beschlägen. „Knifflig waren aber die oberen runden Ecken der Kabine. Die habe ich von einem Spengler im Sauerland fertigen lassen“, berichtet er. Nach einem Anruf bei Deutz war die Originalfarbe für die Karosserie schnell gefunden – lackiert hat Schmücker den Schlepper selbstverständlich auch selbst. Etwa ein Jahr hat die Restaurierung gedauert. Gearbeitet hat er daran jeden Tag. „Ich hatte damals ja noch keine Kinder“, erzählt er.

Der Bauwagen kam Jahre später dazu und war die Erfüllung eines langgehegten Hirngespinstes. Eigentlich wollte Schmücker immer gerne einen Zirkuswagen haben, einen richtigen „Peppino-Wagen“, wie er sagt. Die waren ihm dann allerdings zu teuer: Um die 5000 bis 10 000 Euro sei ein gängiger Preis für unrestaurierte Wagen. Ein Nachbar machte Hans-Helmut Schmücker 2002 schließlich auf einen Bauwagen aufmerksam, den ein Bauunternehmen ausmustern wollte. „Der Wagen stand in Münster. Da hat es keine zwei Tage gedauert, ehe ich das Ding auf dem Tieflader mitgenommen habe“, erzählt er lachend. Der Kaufpreis für den zehn Jahre alten Anhänger war mehr als erschwinglich: „150 Euro in bar, eine Flasche Schnaps für die Werkstatt und eine Flasche Wein für die Frau des Bauunternehmers“, zählt Schmücker schmunzelnd auf. Gemeinsam mit zwei Freunden, Josef Steinmann und Hans Hagemann, schmiedete er schon bald fleißig Pläne wie man dem blauen Wagen mit den roten Fenstern wieder neues Leben einhauchen könnte. „Immer donnerstags abends haben wir uns getroffen“, sagt Schmücker, „ohne Alkohol, damit wir auch vorankommen.“ Dennoch dauerten die Umbauarbeiten drei Jahre lang.

Äußerlich gab es gar nicht so viel zu tun. An den Achsen und den Rädern feilten die Männer, bis der ungewöhnliche Wohnanhänger „wie ein Brett“ auf der Straße lag. Doch im Inneren ist jedes Detail liebevoll durchdacht und aufwändig umgesetzt. Auf 20 Quadratmetern entstanden ein Wohn-Essbereich, eine kleine Küche mit Gasherd und Kühlschrank, der sich sowohl über Gas als auch über Strom betreiben lässt, eine Schlafkammer und sogar ein kleines Bad mit Toilette und Dusche mit separatem Eingang. „Für die Betten haben wir uns in Unkosten gestürzt“, witzelt Schmücker. Sechs ausrangierte Bundeswehrbetten, immer drei übereinander, schlugen mit drei Euro pro Stück zu Buche. Bunt angemalt wirken sie jetzt richtig freundlich. Überall haben die Bastler Stauraum eingeplant, sogar unter den Treppenstufen zu den Hochbetten. „Das Teuerste war die Warmwasser-Bereitung“, berichtet Hans-Helmut Schmücker. Stolz sind die Männer auch auf die beiden Tanks für Frischwasser und Abwasser – sie fassen jeweils 400 Liter – und das Notstromaggregat.

Antonia und Theresa, die beiden Töchter im Teenageralter, die an diesem Tag nach langer Zeit wieder den Bauwagen betreten, schwelgen sogleich in Erinnerungen. Stundenlang haben sie dort in den Betten gelegen oder auf der Treppe gesessen und gelesen, und das Reisen mit dem auffälligen Gespann hatte immer einen Hauch von Abenteuer. „Eigentlich könnten wir doch nochmal los mit dem Bauwagen“, sagt Theresa sofort. Und auch Hans-Helmut Schmücker findet: „Das waren schon schöne Urlaube. Vor allem sind wir so mit vier Kindern immer günstig in die Ferien gefahren.“
Als alle am Tisch im Bauwagen zusammen kommen, sprudeln Schmückers nur so über vor Geschichten. Natürlich, zahlreiche Reifenpannen gab es unterwegs – erst mit dem Deutz, später mit dem inzwischen wieder verkauften Fendt Knicklenker GT 360. Eine größere Sache war eine 200 Meter lange Ölspur, die der Fendt mitten in einem niederländischen Naturschutzgebiet hinterlassen hatte. Einer der Hydraulikanschlüsse war defekt. „Meine Tochter wurde nach ein paar Stunden Fahrt unruhig und rutschte auf ihrem Sitz hin und her. Dabei hat sie sich ganz offensichtlich auf das Steuergerät gesetzt und 30 Liter Hydrauliköl liefen aus“, erinnert sich der vierfache Vater. Eine Reinigungsfirma musste kommen, und die Kinder machten lange Gesichter. „Das Urlaubsgeld ist futsch, wir müssen umkehren“, hatte Schmücker ihnen gesagt. Allerdings: „Wir haben bis heute keine Rechnung für diese Aktion bekommen“, wundert er sich.

Ein anderes Mal wurde Schmücker mitten auf einem Deich angehalten, er könne dort nicht weiterfahren, tat es in einer Nacht- und Nebelaktion dann aber doch. Tatsächlich wurde er ein zweites Mal von der Polizei erwischt. „Aber die Polizistin war sehr freundlich“, sagt er und grinst verschmitzt. Auch die Übernachtung auf einem Hof mit 400 Ziegen ist ihm – und besonders Sohn Alexander – noch in Erinnerung. Der Junge musste nämlich als Entgelt für die Übernachtung am nächsten Morgen beim Melken helfen. Dafür gab es dann wiederum frische Ziegenmilch zum Frühstück. An der Pinnwand im Bauwagen hängt immer noch ein Zettel in Herzform, ausgeschnitten aus Karopapier. Darauf steht in säuberlicher Schreibschrift: „Danke für diesen schönen Urlaub! Toni, Jojo, Alex, Resi“.

Ihr wollt noch mehr Fotos vom Stahldeutz sehen? Dann schaut euch doch noch einmal in der Rubrik „Traktor des Monats“ um – hier geht’s auf direktem Wege dorthin.

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