Ein Leben für Eicher

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Hans Nijhof kennt alle Höhen und Tiefen des Traktorbauers aus Forstern. Seit seinem neunten Lebensjahr erlebte er die Firmengeschichte hautnah mit. Sein Vater, Jan Nijhof, war damals einer von fünf niederländischen Eicher-Importeuren. Ein Besuch.

Motorhaube an Motorhaube stehen die auf Hochglanz polierten Eicher-Traktoren nebeneinander und strahlen mit der Sonne um die Wette. Was für ein Empfangskomitee! Puma, Leopard, Tiger, Panther, Königstiger, Mammut soweit das Auge reicht – den ganzen Vormittag lang hat Hans Nijhof auf seinem Hof in Beltrum (Niederlande) rangiert, um die beeindruckende Sammlung ansprechend zu präsentieren. „Mein Traum ist es, irgendwann ein richtiges Eicher-Museum zu eröffnen“, erzählt er wenig später. Ist es das nicht jetzt schon? Nein, eines mit Tafeln, die auf einen Blick die wichtigsten technischen Daten und Besonderheiten jedes einzelnen Modells zusammenfassen und mit entsprechenden Eicher-Anbaugeräten, Geräteträgern, historischen Unterlagen. Und vor allem: „Es soll genug Platz geben in großen Scheunen, wo die Besucher um jedes Fahrzeug gut herumgehen können“, betont Nijhof.

„Ich werde 120 Jahre alt“
Was nicht ist, kann ja noch werden. Schließlich hat der 71-Jährige den Hof gemeinsam mit seiner Frau Rikie erst vor ein paar Jahren gekauft. 120 Jahre alt will er werden, erzählt er lachend, denn er habe ja noch so viele Pläne. Das glaubt man ihm sofort. Auch, wenn genau das vor gar nicht allzu langer Zeit für ihn noch gar nicht so selbstverständlich war. Nach vielen Jahren als Eicher-Vertreter und später dann auch -Importeur endete 2001 zunächst der Traum vom Leben für und mit Eicher. Die Jahrtausendwende hatte neue Abgasnormen gebracht, und die sächsische Firma MFT, in die seit 1991 die Produktion der Schmalspurschlepper ausgelagert worden war, scheute den finanziellen Aufwand für die Anpassung der Eicher Motoren. Dies war das Ende des Traditionsunternehmens aus Forstern, das seit 1937 offiziell als Traktorhersteller aufgetreten war.

Eicher – herrlich einfach
Hans Nijhofs Vater, Jan Nijhof, hatte schon lange Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg als Lohnunternehmer gearbeitet. Wie fast alle Bauern in den Niederlanden nutzte er hauptsächlich Fordson-Traktoren mit umständlicher, damals schon veralteter Technik. Der Vergasermotor musste auf Benzin gestartet und dann auf den Betrieb mit Petroleum umgestellt werden. 1954 sollte ein neuer Traktor her, also besuchte Jan Nijhof mit dem damals neun Jahre alten Hans die Eicher-Ausstellung in Utrecht. „Ich weiß noch genau wie dort die Traktoren angepriesen wurden mit den Worten: Den kann selbst ein kleiner Junge fahren“, erzählt der heute 71-Jährige. Gesagt getan, doch der Selbstversuch des Neunjährigen sorgte für erstaunte Gesichter: Beim Versuch anzufahren, latschte er erstmal voll auf die Bremse, und als er eigentlich kuppeln wollte, trat er die Bremse voll durch. Kein Wunder, Nijhof hatte auf einem Fordson Master fahren gelernt, dort sind Kupplung und Bremse genau seitenverkehrt angeordnet.

„Aber es stimmt schon, Eicher ist herrlich einfach“, sagt Nijhof. Damals gab es bereits die ersten Modelle mit Direkteinspritzung. „Ein paar Mal pumpen, dann starten – ein Eicher lief immer, auch im Winter“, schwärmt der Experte. Auch sein Vater war damals schnell überzeugt, und innerhalb kürzester Zeit begann seine Karriere als Eicher-Verkäufer mit eigenem Betrieb in Oeken. Mit nahezu missionarischem Eifer versuchte er, die Traktoren aus Forstern an den Mann zu bringen. Einigen Bauern, die ihre Feldarbeit noch mit dem Pferd verrichteten, sagte Jan Nijhof: „Ein Pferd frisst den ganzen Tag nur, eine Kuh, bringt wenigstens noch Milch dazu. Aber ein Traktor benötigt nur dann Diesel, wenn er auch tatsächlich arbeitet.“

Einmal tauschte Nijhof sogar ein Pferd gegen einen Traktor ein. „Das wäre allerdings beinahe schief gegangen, da es eine trächtige Stute war, und wir uns mit der Geburt überhaupt nicht auskannten“, erinnert sich Hans Nijhof. Aufgehoben hat er auch eine Annonce seines Vaters von 1956. Darin beschrieb dieser zunächst, dass bereits 20 Eicher im Umlauf waren in der direkten Nachbarschaft. Die Schlepper arbeiteten für 15 Cent pro Stunde und seien die stärksten, einfachsten, immer laufenden, unverwüstlichen Trecker. „Jeder Bauer, der seinen Verstand gebraucht, möchte einen Eicher kaufen“, schloss die Anzeige. Etwa 7.650 Gulden kostete damals laut Nijhof ein Eicher-Traktor (1956 etwa 8.450 D-Mark).

 

In der Kirche eingeschlafen
In den Anfangsjahren der Eicher-Vertretung besuchte Hans Nijhof noch die Realschule. Aber sein Vater war oft krank, und so half er schon im Alter von zwölf Jahren oft in der Werkstatt mit. „Ich war ein eher klein gewachsener Junge. Um die Ventile einstellen zu können, musste ich auf einer umgedrehten Kiste stehen“, erzählt er schmunzelnd. Ab 1959 war er dann vollwertiges Mitglied der Firma. Auf der Abendschule machte Nijhof seinen Abschluss als Landmaschinentechniker, Praxis hatte er ohnehin jeden Tag mehr als genug. Als dann auch die Abendschule endete, war er von morgens bis abends nur noch im elterlichen Betrieb. Nach dem Abendessen fuhr er Landmaschinen ausliefern und war oft erst nach Mitternacht wieder zu Hause. In dieser Zeit lernte er seine Frau Rikie kennen. „Er ist mir das erste Mal in der Kirche aufgefallen“, erzählt sie lächelnd, „er konnte da ja immer kaum seine Augen aufhalten, so müde war er von der Arbeit.“ Die beiden verliebten sich und heirateten schließlich 1974.

Damals dachte man nur an die Arbeit, so waren die ZeitenHans Nijhof

Der Hochzeitswagen war natürlich, wie könnte es bei jemanden wie Hans Nijhof anders sein, ein Eicher Wotan mit Allrad. Er fuhr, sie saß auf dem Kotflügelsitz. Hinten angehängt war zudem ein Wagen, in dem die Hochzeitsgesellschaft erst zum Standesamt und dann in die Kirche kutschiert wurde. 14 Tage später ging das junge Paar dann auch tatsächlich gemeinsam auf Reisen – allerdings war es eine geschäftliche Tour durch Frankreich, und Nijhofs Eltern waren mit dabei. „Das waren unsere Flitterwochen“, sagt Nijhof. „Damals dachte man nur an die Arbeit, so waren die Zeiten.“ Heute versucht er die Zeit mit seiner Familie so gut es geht nachzuholen. Rikie und Hans Nijhof haben sieben gemeinsame Kinder, viele wohnen noch in der Nähe, eine Tochter mit ihren beiden Kindern sogar im gleichen Haus.

Der Anfang vom Ende
Ein Jahr vor der Hochzeit, 1973, hatten Jan und Hans Nijhof damit begonnen, Eicher-Schlepper aus Deutschland zu importieren. Vier weitere Importeure gab es in den Niederlanden, übrig blieben am Ende nur noch „Nijhof & ZN“ (Nijhof & Sohn): 1978 gab Brinkmann auf, 1986 Bonenkamp, 1994 Schipper en Taks und Ende der 1990er Kloppenburg. Letzterer produziert und verkauft heute Rübenvollernter. „Darin hat er schon recht früh die starken Eicher-Motoren verbaut“, weiß Nijhof. Doch auch Anfang der 1970er Jahre lief bei Eicher schon längst nicht mehr alles rosig. Als der Getriebezulieferer ZF (Zahnradfabrik Friedrichshafen), ankündigte, eine ganze Getriebereihe einstellen zu wollen, suchte das Traditionsunternehmen nach Alternativen. Fündig wurden sie bei Massey Ferguson in Kanada (kurz MF). Das Unternehmen begnügte sich aber nicht mit der Zuliefererrolle, sondern erwarb zudem 30 Prozent des Kapitals der fortan als „Eicher Traktoren und Landmaschinen GmbH“ firmierenden Gesellschaft. Schon kurze Zeit später war MF dann Hauptanteilseigner. Nijhof hat dazu eine eindeutige Meinung: „Die 1972 erste mit MF-Getrieben ausgelieferte Serie war das Anfang vom Ende. Massey Ferguson hat Eicher kaputt gemacht.“

1973 wurde eine neue Produktionsstätte in Landau an der Isar gebaut, von den drei anderen ursprünglichen Werken blieb zunächst lediglich Forstern Nord noch erhalten. Immer deutlicher war jedoch der Einfluss des Mutterkonzerns zu spüren. Zu fast jedem Traktor bei Eicher gab es bald ein Pendant von Massey Ferguson. „Nur die schweren Traktoren und die Schmalspur-Traktoren kamen noch nicht von MF“, erinnert sich Nijhof, „also haben die einfach die Eicher-Schlepper rot lackiert, und fertig waren die MF-Schlepper.“ Dass seine Schwester und sein Schwager, die später mit ins Unternehmen eingestiegen waren, ausgerechnet Massey-Ferguson-Traktoren zusätzlich mit ins Verkaufsprogramm aufnehmen wollten, hat er bis heute nicht verwunden. Später verkauften Nijhofs dann stattdessen noch Fendt und Valmet.

Kein Markt für Schmalspurschlepper

Der Mammut HR 3002 ist ein Beweis dafür, wie offen die Eicher-Ingenieure gegenüber technischen Experimenten waren. Das stufenlose, hydrostatische Getriebe des Vierzylinder-Schleppers mit 54 PS war Ende der 1960er Jahre weltweit einzigartig. Lediglich 35 Stück wurden von diesem Allrad-Mammut gebaut – er ist somit ein ganz besonderes Stück in Nijhofs Sammlung. Dass sich die innovative Schaltung nicht durchsetzen konnte, liegt nach Ansicht des Eicher-Expertens vor allem an der Managment-Entscheidung von Massey Ferguson: „Die wollten das HR-Getriebe nicht haben, da sie lieber ihre eigenen Getriebe in den Eicher-Schleppern sehen wollten.“ Dabei sei Eicher ein wahrer Vorreiter in diesem Bereich gewesen. „Jeder Fendt ist heute mit Vario-Getriebe ausgestattet“, argumentiert er.

Wohin unternehmerisch die Reise ging, entschied der Ursprungskonzern nur noch in der Sparte der Schmalspurschlepper völlig losgelöst vom kanadischen Anteilseigner. Und Hans Nijhof hatte sogar direkten Einfluss auf aktuelle Entwicklungen: Seit 1992 war er mit neun weiteren Partnern an der Eicher Landmaschinen Vertriebs GmbH beteiligt. In den Niederlanden waren die Einsatzgebiete für Schmalspurschlepper jedoch begrenzt, und so wurde das Geschäft mit den blauen Traktoren immer weniger lukrativ. Dennoch gab es bei „Nijhof und ZN“ bis 2001, als endgültig die Produktion in Deutschland eingestellt wurde, Eicher-Traktoren zu kaufen. Wenig später zog sich Hans Nijhof aus der Firma zurück. Die alten Gebäude in Oeken bestehen noch, der Firmenname hat sich geändert. Heute importiert Nijhofs Schwager Herman Hissink italienische Spezialtraktoren des Herstellers Carraro.

Jeder ist ein Meisterwerk
Nijhof hingegen bleibt Eicher weiter treu. In seinem „Hobbyraum“, so nennt er die große Halle in Beltrum, in der er für Kunden Eicher repariert und restauriert, stehen derzeit sieben Traktoren, die auf ihre Auferstehung warten. Palettenweise Zylinderköpfe liegen auf dem Boden. „Da mache ich immer gleich mehrere von fertig, das lohnt sich sonst nicht“, meint Nijhof. Einen Schlepper hat er gerade bis zur Unkenntlichkeit zerlegt. So fängt er immer an, wenn er restauriert. Denn halbe Sachen macht der Holländer nicht. Jeder seiner Traktoren ist ein Meisterwerk, technisch wie optisch, und jeder, aber auch wirklich jeder springt auf Anhieb und ohne Mucken an. Über 30 sind es mittlerweile – manche, die ein Kunde eigentlich restaurieren lassen wollte, hat er einfach abgekauft, andere sind auf anderen Wegen zu ihm gekommen. Manche sind auch bereits weitergezogen. Es ist ein Kommen und Gehen.

Die heute noch begehrte Raubtier-Reihe hat Nijhof fast komplett: einzig einen Wotan hat er zurzeit nicht. Auch was die 1950er Jahre angeht ist der Sammler vom ED 16 (Baujahr 1951, der älteste Schlepper), über den EKL 15/II und den L 22 bis hin zum ED 115/8 gut aufgestellt. Bei so einem Fuhrpark gelingt es Nijhof dennoch, seinen Lieblingsschlepper zu benennen. Die Wahl fällt ausgerechnet auf den mit 2697 Stück sehr oft verkauften Königstiger I (Baujahr 1969). „Ich weiß gar nicht genau, warum. Vielleicht tatsächlich, weil es der ist, den wir am allermeisten verkauft haben“, sagt Nijhof. Als er ihn dann startet, lächelt er zufrieden und sagt: „Nein, ich glaube es ist sein besonderer Sound. Der läuft so schön.“

TEXT: BIRTHE ROSENAU
FOTOS: NICO HERTGEN / PRIVAT

In wundervolle Abendsonne getaucht hat Traktormenschen-Fotograf Nico Hertgen auch den Eicher ED 16/II fotografiert. Er war unser Traktor des Monats April. Hier geht es zur Fotostrecke.

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